|
Die Vahr
Die Vahr ist eine sehr alte Siedlung. Erwähnt wird sie zum ersten Mal bereits im Jahr 1185. Die Besiedelung der bis dahin sumpfigen Einöde begann sogar schon im Jahr 1113.
Die Bauernschaft Vahr, etwa eine Stunde Fußmarsch (5 km) östlich vom Stadtzentrum Bremens gelegen, gehörte zum Kirchspiel Horn. Im Jahr 1812 zählte man in der Vahr und Achterdiek 231 Einwohner. 1862 war die Zahl auf 586 gestiegen (Hartmann, S. 133). Heute wohnen in den drei in sich geschlossenen Wohnbe-reichen des Stadtteils Vahr, der Gartenstadt Vahr, dem Kurfürstenviertel und der Neuen Vahr, knapp 28000 Menschen. Der Vergleich dieser Zahlen lässt nur den Schluss zu, dass die alte Vahr untergegangen ist. Sie scheint inzwischen allgemein aus dem historischen Bewusstsein verschwunden zu sein. Übrig geblieben sind nur ein paar alte Straßenzüge. Als mein Vater und ich im Jahr 1971 noch einmal die Stätte seiner Kindheit, das ehemalige Grundstück des Bultmann-Hofgebäudes, das gerade für eine neue Bebauung freigeräumt worden war, besucht haben, stand noch der benachbarte schöne Fachwerkhof von Bahr-Kaemena. Heute erstreckt sich dort ein Versicherungsgebäude. Auch von der übrigen alten Bebauung in der Vahr dürfte inzwischen wohl nichts mehr vorhanden sein.
Die Grenzen des heutigen Stadtteils Vahr stimmen nicht mit den historischen Grenzen überein. Der Stadtteil Vahr enthält nur noch etwa ein gutes Drittel des Gebietes der alten Feldmark, und die so genannte Gartenstadt Vahr hat gar nichts mit der alten Vahr zu tun, denn sie liegt eigentlich auf fremdem Boden, auf dem Gebiet der alten Feldmark Hastedt, die erst mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 dem Bremer Landgebiet zugeschlagen wurde. Die alte Vahr war ein Teil des Hollerlandes, dem Tiefland zwischen Weser und Wümme. Der Name Vore, Vare ist mittelniederdeutsch und bedeutet Furche, Grenze oder Spurweg. Auffällig ist, dass man immer von der Vahr, also mit Artikel und im Femininum spricht. Das tat man früher auch bei den benachbarten Ortschaften wie Horn, Lehe und Rockwinkel. Doch nur bei der Vahr ist diese Sprechweise bis heute als ein Überbleibsel aus der Zeit der Gründung erhalten. Bei der Bildung niederdeutscher Siedlungsnamen kam der Gebrauch des bestimmten Artikels im 12. Jahrhundert auf (Meyer, S. 1).
Und genau zu dieser Zeit begann die Kultivierung des Hollerlandes durch holländische Siedler aus der Diözese Utrecht. Diese brachten Kenntnisse für Deichbau und Entwässerung mit. Aus einem Schreiben des Erzbischofs Friedrich von Bremen geht hervor, dass dieser ihnen im Jahr 1106 freies vererbliches Eigentum an dem urbar gemachten Ödland zugesagt hatte (Epperlein, S. 32 f.). Dafür mussten sie einen Zins an den Landesherrn und den Zehnten an die Kirche leisten. Die Kolonisation wird von der Vahr aus vorgenommen worden sein, da sie mit 2,60 m über N.N. höher als das übrige Land liegt. Das Neuland wurde in Hufen von 47,5 ha eingeteilt. Jede Vollbauernstelle, deren Zahl über eine sehr lange Zeit konstant blieb und deren Besitzer Bauleute (Singular: Baumann) genannt wurden, bestand aus einem Hufen. In der Vahr wurden 15 Hufe ausgegeben. Das Kataster für die Vahr weist 13 volle und vier halbe Höfe aus. Diese Zahl galt noch im 18. Jahrhundert, ergänzt durch zunächst zwei Köthner, von denen einer noch im 18. Jh. wieder verschwand, und eine steigende Anzahl von Häuslingen. Bis 1799 kamen vier Freihöfe mit einem Baumann, zwei halben Bauleuten - darunter Friedrich Hinrich Bultmann - und einem Brinksitzer hinzu. Die Höfeakte für die Vahr aus dem Jahr 1876 verzeichnet für die Vahr 14 Vollbauern, vier Halbbauern, einen Köthner, fünf Gutsbesitzer und sieben Brinksitzer. Diese Steigerung der Anzahl der Höfe und eine deutliche Vergrößerung der Zahl von Häuslingen im 19. Jahrhundert hängen mit der schnell wachsenden Bevölkerung zusammen.
Bis zum Beginn der städtischen Bebauung war die Vahrster Feldmark durch die langen, schmalen Streifenhufen gekennzeichnet, die sich östlich der Straße In der Vahr (später Vahrer Straße), an der sich die Höfe aufreihten, in Ost-West-Richtung bis zum Hinterdeich (Achterdiek) erstreckten. Der Achterdiek war ein Schirmdeich, der die Zuflüsse aus dem Gebiet des späteren Rockwinkel abhielt. Durch zwei Hauptkanäle in nördlicher Richtung, die bis heute als Mittelkamps- und Achterkampsfleet vorhanden sind, wurde die Feldmark ebenso wie jede einzelne Hufe von West nach Ost dreigeteilt in Vorkamp, Mittelkamp und Achterkamp. Im Norden findet sich schwerer Kleiboden, im Süden enthält er Sandbeimengungen. Er eignete sich wegen der höheren Lage gut für Acker- und Gartenbau. Nur ein kleiner Teil waren Weiden.
Zum Schutz vor winterlichem Hochwasser mussten Warften aufgeworfen werden, auf denen die Gebäude errichtet wurden. Wegen der Ausrichtung der Streifenhufen nach Osten befanden sich vermutlich bei allen Höfen die großen Dielentüren nicht an der Straßenseite der Gebäude, sondern auf der Ostseite. Mein Vater, der als Kind noch auf dem Hof in der Vahr gelebt hat, hat mir das so geschildert. Beim nordwärts gelegenen Nachbarhof Bahr-Kaemena habe ich es im Jahr 1971 selbst noch so gesehen. Das einzige mir bekannte Foto des Bultmann-Hofes, das die Rückfront zeigt, ist also von der Straße aus gemacht worden.
Über das Aussehen der Westseite der Straße In der Vahr vor Beginn der städtischen Bebauung ist mir bis jetzt nichts bekannt. Auf dieser Seite aber, etwas nördlich vom Bultmann-Hof am Ost-Ende der heutigen Emil-Trinkler-Straße, befand sich - zumindest seit meinem Ururgroßvater Heinrich Kaemena (1766-1843) - bis zum Verkauf an die Neue Heimat im Jahre 1960 der Spieker-Hof, später Lütje Lür genannt (In der Vahr 35). Von hier stammt meine Urgroßmutter Margaretha Kaemena (1812-1872), die mein Urgroßvater Hinrich Bultmann (1809-1882) zur Frau auf seinen Hof nahm.
Der Verlust des Charakters eines reinen Bauerndorfes mit seiner schließlich immer schneller werdenden Verwandlung in einen Stadtteil setzte wegen der großen Nähe zur Stadt schon sehr früh ein. Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der rein bäuerliche Charakter dadurch durchbrochen, dass wohlhabende Städter sich Landsitze zulegten. Die Vahr hatte schon 1841 mindestens drei solche Landsitze aufzuweisen (Brandes, S. 101). Der eine davon war das Gut Rosenthal und lag im Nordwesten der Feldmark bei der heutigen Straße Rosental, die von der Marcusallee in Horn abzweigt. Als Friedrich Hinrich Bultmann in die Vahr kam, gehörte das Gut Rosenthal dem Kattundrucker Werner Wilckens, bei dem sich Friedrich Hinrich, bevor er einen eigenen Hof erwarb, als Gärtner verdingte.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich, vermutlich von Horn ausgehend, aus dem ländlichen Ausflugsort für Erholung suchende Städter allmählich eine mehr oder weniger städtische Wohnsiedlung, gemischt mit landwirtschaftlichen Betrieben (Hartmann, S. 133). Aus der Sicht des Horner Pastors Melchior Kohlmann (1795-1864), der viele Bultmanns getauft, konfirmiert und getraut sowie Friedrich und Lüer Bultmann auf ihren Wegen zu Missionaren gefördert hat, war dies eine sehr bedenkliche Entwicklung. Er äußerte sich wie folgt darüber: Hier sei ein Lustort, wohin die Städter sonntäglich, viele sogar im Sommer täglich ziehen und durch ihr Verhalten das Echtbäuerliche allmählich verdrängen würden. Dadurch brächten sie einen Geist in die Gemeinde, der durch zunehmende Vergnügungssucht gekennzeichnet sei. Über den Kirchenbesuch könne er zwar nicht klagen, aber das göttliche Wort habe keine nachhaltige Wirkung mehr. Es fehle die Einsamkeit des ländlichen Kirchenweges, um über die Predigt nachzudenken. Die übrige Zeit des Sonntags müsse häufig fremden Gästen gewidmet werden, die nicht Erbauung, sondern Erfrischung und Vergnügen suchen würden (Fork).
Aber der Weg zu einem säkularisierten Leben auch auf dem Lande und zu einer zunehmenden Verstädterung der ländlichen Vororte Bremens war angesichts der Bevölkerungsexplosion nicht aufzuhalten. Die Vahr wurde 1926 eine Vorstadt.
Um die als Folge des zweiten Weltkrieges entstandene Wohnungsnot zu mildern und abzubauen, wurden von 1955 bis 1961 im Bereich der heutigen Gartenstadt Vahr Wohnungen für über 7000 Menschen errichtet. Eigentumswohnungen und Reihenhäuser hatten einen Anteil von 30%. 1957 bis 1962 entstand die Wohnanlage Neue Vahr mit fast 10000 Mietwohnungen in hochgeschossiger Bebauung und 771 Einfamilienhäusern. Diese Wohnanlage galt lange als eine der modernsten der Welt. Ein kleiner Teil der Neuen Vahr liegt auf einem Grund, den mein Großvater Friedrich Adelbert Bultmann als letzter Besitzer des Bultmann-Hofes besessen und bewirtschaftet hat.
Eine historische Karte der Vahr und der umliegenden Hollerdörfer sowie Informationen über die Geschichte und Entwicklung des Bultmann-Hofes finden sich auf den nachfolgenden Seiten.
|