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Galt Friedrich Hinrich Bultmann, ein Zugezogener aus einem anderen Landstrich, noch als Fremder und Butenminsch (ndt. für "Außenmensch"), der mit Argwohn und manches Mal auch mit Missgunst betrachtet wurde, so hat sich sein Sohn und Anerbe Warner bereits vollständig durchgesetzt. Er war hier bereits geboren und hat schon als 21-Jähriger am 6.11.1804 den (inzwischen bremischen) Bürgereid vor dem damaligen Gohgräfen, dem Senator Caesar, geleistet. Zwei Tage später heiratete er die fünfeinhalb Jahre ältere Gesche Bremermann, Tochter des Vollbaumanns Gerd Bremermann (1744 – 1787) aus der Vahr. Diese brachte einen üppigen Brautschatz von 400 Talern in die Ehe ein, der sicher ein willkommener warmer Regen für den jungen Hof gewesen ist.

Gesche Bremermann entstammte einer alteingesessenen und angesehenen Familie, die ursprünglich den Namen von Bremen geführt hatte. Erst um 1700 setzte sich in den Horner Kirchenbüchern der Name Bremermann durch. Die Geschichte derer von Bremen lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. In einem alten Schriftstück mit dem Titel Von den Bremern, die auch von Bremen genannt werden, wird diese Familie sogar eine Hoch-Adel Familie genannt. Ihre Macht könne man, so heißt es dort, in ihrem Wappen noch an den Federn, einem roten Feld und einem halben Wasserrad erkennen. Von ihrem Wohnsitz in der Wetterung aus hätten sie sich nicht nur im Erzstift, sondern auch in Liefland (Baltikum) ausgebreitet.

1159 wird ein Engelbertus von Bremen erwähnt.

1227 wird Albero von Bremens Frau Ermentrude durch Heinrich von Sachsen mit zwei Häusern in Hastedt belehnt.

Bei der Versöhnung von Albertus von Sachsen mit Erzbischof Gerhardus zu Bremen war 1228 in Hamburg ein Lippold von Bremen einer der Zeugen.

Von den zahlreichen Belegen aus dem 13. und 14. Jahrhundert sei hier nur eine Begebenheit noch erwähnt: Im Jahr 1308 sind der Ritter Lippold von Bremen, sein Bruder Erich und andere Personen aus der bremischen Ritterschaft mit der Stadt Bremen in Streit geraten. In einer Nacht- und Nebelaktion haben sie einen großen Teil der Bürgerweide abgraben lassen. Die Bürger haben am nächsten Tag den Graben wieder zugeteicht und die Burg der Gebrüder von Bremen niedergerissen, die sich daraufhin an einen anderen Wohnort begeben mussten.

Eine direkte Generationsfolge aus dem 12. Jahrhundert  bis zum Baumann Gerd von Bremen, der 1609 im Komthurei-Inventarium erwähnt wird, ist wohl nicht zu erstellen. Gerd von Bremen hat diesen Hof in der Vahr, der der Komturei  und damit dem Deutschen Ritterorden gehörte, von seinem Vorwirt Johan Jorgens (oder Jordens) vermutlich nach Heirat mit dessen Tochter übernommen. Von hier aus lässt sich die Generationsfolge der von Bremen und später der Bremermanns in der Vahr, auf dem früheren Gut  Riensberg und in der Lehe verfolgen (Q: Werner Kruse)

Am 7. Dezember 1777 wurde auf dem Bremermannhof in der Vahr Gesche geboren, mit der wir zum Bultmannhof zurückkehren. 

Warner Bultmann war 30 Jahre alt, als er nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern den Hof übernahm. Auch die vom Vater übernommene Krug- und Schankwirtschaft hat er weitergeführt, aber die Sonntagsmusik irgendwann abgeschafft, da sie, wie sein Sohn Friedrich 1832 schrieb, den Tag des Herrn so schändlich in einen heidnischen Lusttag verwandelt habe. (Hartmann)

Eine wesentliche Eigenschaft des Ehepaares Warner und Gesche Bultmann war seine tiefe Frömmigkeit. In der Zeit hatte die “Erweckungstheologie” Konjunktur. Auch Warner und Gesche glaubten sich im Stadium der Erweckung und waren der Meinung, sie seien aus Gnaden zum Herrn Jesus gekommen und hätten bei ihm Vergebung ihrer Sünden gesucht und gefunden (Sohn Friedrich über seine Eltern).

Diese große Religiosität hatte Folgen.

Kirchengeschworener und Schulpfleger

Die erste Folge war naheliegend: Warner wurde bereits während der Amtszeit des Pastors Bernhard Philipp Noltenius (Pastor in Horn von 1818 -1828) zum Kirchengeschworenen erwählt. In Kirchspiel Horn gab es fünf Personen, die dieses wichtige Amt in der Kirchengemeinde bekleideten. Drei von ihnen waren Baumänner, also Vollbauern, zwei waren Halbbauern. Kirchengeschworene mussten nicht nur ein gottesfürchtiges, ehrbares Leben führen und als Vorbilder wirken, sondern hatten auch die Aufsicht über die der Kirche gehörenden Gebäude zu führen und die Kassenführung zu übernehmen. Darüber hinaus mussten sie bei Visitationen der Gemeinde mitwirken. Vermutlich hat Warner bereits beim Bau der neuen Horner Kirche, die am 11. April 1824 eingeweiht wurde, Mitverantwortung getragen. Möglicherweise war er schon Kirchengeschworener, als die Kirchengemeinde Horn 1822 allen Stadt- und Landgemeinden Bremens mit gutem Beispiel voranging, aus der reformierten Gemeinde durch Vereinigung mit den Lutheranern die evangelisch christliche Gemeinde zu formen.

Das Amt des Kirchengeschworenen hat Warner Bultmann auch unter dem Nachfolger von Noltenius, dem für das Gemeindeleben im Kirchspiel Horn so wichtigen Pastor Johann Melchior Kohlmann ( Pastor in Horn von 1829 - 1864) wahrgenommen.

1823 wurde Warner Bultmann zusammen mit seinem Schwager Lüer Bremermann und Friedrich Jürgens zum Armen- und Schulpfleger ernannt. Diese hatten den Pfarrer bei der Schulaufsicht zu entlasten. Damals war das Volkschulwesen in den Bremer Landgebieten noch keine staatliche, sondern ausschließlich eine kirchliche Aufgabe. Die Horner Kirchspielschule war eine von zwölf Schulen dieser Art.

Die Bedingungen für die Horner Kirchspielschule müssen in dieser Zeit völlig unzureichend und für heutige Verhältnisse sogar unzumutbar gewesen sein. Das Schulgebäude mit einem ebenerdigen Schulzimmer lag auf dem Horner Friedhof neben der Kirche. Der Friedhof diente den Schülern als Spielplatz. Toilettenanlagen gab es nicht (Weihusen). Damals hat man sich wohl nicht daran gestört. Aber auch der Unterricht scheint inhaltlich und methodisch unvollkommen gewesen zu sein. Hierin liegt wohl der Grund, dass Warner seine beiden ältesten Söhne nicht auf die Horner Kirchspielschule schickte. Hinrich wurde schon in seinem sechsten Lebensjahr, also etwa 1815, nach Bremen in Pension gegeben, um dort eine Schule zu besuchen. Friedrich kam zum Sohn des Zollpächters Lahusen, der im benachbarten Hastedt angefangen hatte, im Hause seines Vaters Schule zu halten. Die jüngeren Geschwister besuchten später alle die Horner Kirchspielschule, deren Unterrichtsqualität sich mit dem jungen Schweers, der 1821 seinen Vater als Lehrer ablöste, vermutlich verbessert hatte.

Schon zur Anfangszeit des schulpflegerischen Wirkens von Warner Bultmann war offenbar die Zahl der Schulkinder so groß, dass an ein weiteres Gebäude gedacht werden musste. Dies geht aus einem Notizbuch von Warner Bultmann hervor, das sich erhalten hat. Darin geht es 1826 um die Lerster bzw. Lester Deicher Schule. Vermutlich ist damit ein Gebäude am Lehester Deich gemeint. Warner scheint für die Abrechnung von Kosten für die Errichtung und Einrichtung zuständig gewesen zu sein. Auch den Aufwand für Getrenck bei der Aufrichtung, also für Getränke beim Richtfest, hat er festgehalten. Wofür er am 7. Oktober 1826 dem Bremer Bürgermeister Johann Smidt, dem Senator für Kirchen und Schulen sowie Gründer Bremerhavens, eine erhebliche Summe - mehr als ein Viertel der für 1826 zur Verfügung stehenden Schulbaumittel - übergeben hat, ist leider nicht vermerkt. Warners Eintragungen zeugen übrigens von der nur unvollkommen beherrschten Grammatik und Rechtschreibung der erst in der Schule gelernten hochdeutschen Sprache. Auch dies ein Beispiel für den mangelhaften Schulunterricht in der damaligen Horner Kirchspielschule. Aber immerhin: im Gegensatz zu vielen anderen konnten er und seine Familie lesen und schreiben.

Missionare und Theologen

Die zweite Folge des im Hause von Warner und Gesche Bultmann gelebten Glaubens war sehr nachhaltig, weil ihre Auswirkungen bis in unsere Zeit reichen.

Es begann mit ihrem zweitältesten Sohn Friedrich.

Nachdem dieser seine Zimmermannslehre erfolgreich beendet hatte, beschloss er, sich zum Missionar ausbilden zu lassen, um seine Zeit dem Dienst unter den Heiden zu widmen. Diesem Entschluss war ein längerer Entwicklungsprozess vorausgegangen, der parallel zu geistigen Strömungen in der evangelischen Kirche der damaligen Zeit verlief.

Ihm folgte sein jüngster Bruder Lüer.

Inzwischen hatte der Gedanke der Heidenmissionierung 1836 zur Gründung der Norddeutschen Missionsgesellschaft in Hamburgs Nikolaikirche geführt. Während Friedrich zur Ausbildung noch nach Basel und London gehen musste, bot sich für Lüer schon Hamburg an.

Friedrich Bultmann konnte am Ende seines Lebens auf ein Vierteljahrhundert Missionstätigkeit in Westafrika (Sierra Leone) und auf viele Ruhestandsjahre in Oldenburg, während der er wohl als Sprachlehrer und Übersetzer wirkte, zurückblicken. Das kurze Leben von Lüer endete jedoch nach einer langen Ausbildungszeit bereits wenige Tage nach Ankunft im Gabun (Äquatorialafrika) in Folge einer Malariainfektion.

Die Nachhaltigkeit der Auswirkungen des von Warner und Gesche Bultmann gelebten Glaubens zeigt sich vor allem darin, dass viele der Nachkommen von Friedrich Bultmann über mehrere Generationen hinweg bis heute Theologen geworden sind. Unter ihnen und unter den durch Heirat mit ihnen verbundenen Personen finden sich ungewöhnlich viele Pastoren und mehrere Theologieprofessoren, darunter Rudolf Bultmann, Professor für Neues Testament in Marburg, ein Urenkel von Warner und Gesche Bultmann. Er war zu Lebzeiten wohl der umstrittenste, aber auch einer der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts.

Hofübergabe an die nächste Generation

Warner hat bereits 1841 – er war erst 57 Jahre alt – die Hofstelle mit allen Ländereien gegen Gestellung eines vertraglich genau geregelten Altenteils seinem ältesten Sohn und Anerben Hinrich übergeben. Der Grund für die frühe Übergabe ist nicht überliefert, deutet sich aber in der Heiratsurkunde von Hinrich Bultmann vom 7. Juli 1841 an. Dort heißt es, dass Warner bei der zivilstandesrechtlich vorgeschriebenen Eheschließung krankheitshalber nicht anwesend sein konnte. Die Trauung führte Pastor Melchior Kohlmann dann zwei Tage später am 9ten July, nachmittags 3 Uhr im Hause des Wamer Bultmann zur Vahr durch. Sie fand also nicht in der Horner Kirche statt. War Warner bereits so krank und körperlich hinfällig, dass er das Haus schon nicht mehr verlassen konnte? Dass er keine drei Jahre später an Auszehrung (Hartmann erläutert dies als Lungenschwindsucht) starb, könnte diese Vermutung unterstützen.

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Die zweite Generation - Weichenstellungen

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