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Die alte Bauernschaft Vahr, etwa eine Stunde Fußmarsch (5 km) östlich vom Stadtzentrum Bremens gelegen, gehörte zum Kirchspiel Horn. Im Jahr 1812 zählte man in der Vahr und Achterdiek 231 Einwohner. 1862 war die Zahl auf 586 gestiegen (Hartmann, S. 133). Heute wohnen in den drei in sich geschlossenen Wohnbereichen des Stadtteils Vahr, der Gartenstadt Vahr, dem Kurfürstenviertel und der Neuen Vahr, etwa 27.000 Menschen. Der Vergleich dieser Zahlen lässt nur den Schluss zu, dass die alte Vahr längst untergegangen ist. Übrig geblieben sind nur ein paar alte Straßenzüge. Als mein Vater und ich im Jahr 1971 noch einmal die Stätte seiner Kindheit, das ehemalige Grundstück des Bultmann-Hofgebäudes, das gerade für eine neue Bebauung freigeräumt worden war, besucht haben, stand noch der benachbarte schöne Fachwerkhof von Bahr-Kaemena. Heute erstreckt sich dort ein Versicherungsgebäude. Auch von der übrigen alten Bebauung in der Vahr dürfte inzwischen wohl nichts mehr vorhanden sein.

Die alte Vahr scheint inzwischen weitgehend aus dem historischen Bewusstsein verschwunden zu sein. Man erkennt das z. B. daran, dass die Grenzen des heutigen Stadtteils Vahr nicht mit den historischen Grenzen übereinstimmen und dass der heutige Stadtteil Vahr nur noch etwa ein gutes Drittel des Gebietes der alten Feldmark enthält. Die so genannte Gartenstadt Vahr hat überhaupt nichts mit der alten Vahr zu tun, denn sie liegt eigentlich auf "fremdem Boden", auf dem Gebiet der alten Feldmark Hastedt, die erst mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 dem Bremer Landgebiet zugeschlagen wurde.

Der Verlust des Charakters eines reinen Bauerndorfes mit seiner schließlich immer schneller werdenden Verwandlung in einen Stadtteil hatte wegen der großen Nähe zur Stadt schon sehr früh begonnen. Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der rein bäuerliche Charakter dadurch durchbrochen, dass einzelne wohlhabende Städter sich Landsitze durch Ankauf benachbarter Streifenhufen zulegten. Die Vahr hatte 1741 mindestens drei solche Landsitze aufzuweisen (Brandes, S. 101). Der eine davon war das Gut Rosenthal und lag im Nordwesten der Feldmark bei der heutigen Straße Rosental, die von der Marcusallee in Horn abzweigt. Als Friedrich Hinrich Bultmann in die Vahr kam, gehörte das Gut Rosenthal dem Kattundrucker Werner Wilckens, bei dem sich Friedrich Hinrich, bevor er einen eigenen Hof erwarb, als Gärtner verdingte und der später Pate der beiden Kinder von Friedrich Hinrich Bultmann wurde.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich, vermutlich von Horn ausgehend, aus dem ländlichen Ausflugsort für Erholung suchende Städter allmählich eine mehr oder weniger städtische Wohnsiedlung, gemischt mit landwirtschaftlichen Betrieben. Aus der Sicht des Horner Pastors Melchior Kohlmann (1795-1864), der viele Bultmanns getauft, konfirmiert und getraut sowie Friedrich und Lüer Bultmann auf ihren Wegen zu Missionaren gefördert hat, war dies eine sehr bedenkliche Entwicklung. Er äußerte sich wie folgt darüber: Hier sei ein Lustort, wohin die Städter sonntäglich, viele sogar im Sommer täglich ziehen und durch ihr Verhalten das Echtbäuerliche allmählich verdrängen würden. Dadurch brächten sie einen Geist in die Gemeinde, der durch zunehmende Vergnügungssucht gekennzeichnet sei. Über den Kirchenbesuch könne er zwar nicht klagen, aber das göttliche Wort habe keine nachhaltige Wirkung mehr. Es fehle die Einsamkeit des ländlichen Kirchenweges, um über die Predigt nachzudenken. Die übrige Zeit des Sonntags müsse häufig fremden Gästen gewidmet werden, die nicht Erbauung, sondern Erfrischung und Vergnügen suchen würden (Fork).

Aber der Weg zu einem säkularisierten Leben auch auf dem Lande und zu einer zunehmenden Verstädterung der ländlichen Vororte Bremens war angesichts der Bevölkerungsexplosion nicht aufzuhalten. Die Vahr wurde 1926 eine Vorstadt.

Um die als Folge des zweiten Weltkrieges entstandene Wohnungsnot zu mildern und abzubauen, wurden von 1955 bis 1961 im Bereich der heutigen Gartenstadt Vahr Wohnungen für über 7.000 Menschen errichtet.1957 bis 1962 entstand die Wohnanlage Neue Vahr mit fast 10.000 Mietwohnungen in hochgeschossiger Bebauung und 771 Einfamilienhäusern. Diese Wohnanlage galt lange als eine der modernsten der Welt. Ein kleiner Teil der Neuen Vahr liegt auf einem Grund, den mein Großvater Friedrich Adelbert Bultmann als letzter Besitzer des Bultmann-Hofes besessen und bewirtschaftet hat. 

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Zu Informationen über die Geschichte und Entwicklung des Bultmann-Hofes in der Vahr: Generation 1 | Generation 2 | Generation 3 | Generation 4

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Hier ein Foto aus der Zeit, als es die alte Vahr noch gab: Der Bultmann-Hof im Jahr 1908 nach dem Verkauf und dem Auszug der Familie. Der große reetgedeckte Wohnteil des Haupthauses rechts zeigt zur Straße “In der Vahr” (heute Bürgermeister-Spitta-Allee). Das Dach des sich anschließenden Wirtschaftsteils ist erkennbar niedriger angesetzt. In seinen ältesten Teilen ist das Haupthaus um 1790/91 von Friedrich Hinrich Bultmann erbaut worden.

Links das “Sommerhaus” (vermutlich 1813 als Tanzsaal erbaut), das zu späterer Zeit im Sommer an Erholung suchende Bremer vermietet wurde. Hier wurde bereits eine frühe Form eines Urlaubs auf dem Bauernhof praktiziert.

Foto: vermutlich Willy Dose, 1908

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1971 stand auf dem Nachbargrundstück des ehemaligen Bultmann-Hofes noch der Hof Vahr Nr. 50. Während der Kindheit meines Vaters und seiner Geschwister wurde er von Heinrich Bahr bewirtschaftet, der wie die ersten Frauen auf dem Bultmann-Hof, Anna Elisabeth und Dorothea Lindhorn, aus dem Kirchspiel Bruch-Aschwarden stammte. Heinrich Bahr hatte die Anerbin dieses Hofes, Meta Kaemena, geheiratet.

Foto: Fritz Bultmann, Juli 1971

Die Vahr - vom Bauerndorf zum Stadtteil

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